Die Angst – Freund oder Feind?
Zwischen Schutzmechanismus und Belastung: Angst ist Teil unseres Lebens – doch sie kann auch krank machen. Wann das der Fall ist und wie man ihr nachhaltig begegnet.
Es ist ein Thema, das viele Menschen beschäftigt: die Angst. Wo liegt der Unterschied zwischen Angst und Panik? Wann wird Angst zur Krankheit? Wie kann ich Angst „verlernen“? Und welche langfristigen Strategien gibt es, um Sorgen zu bewältigen? Darüber spricht Dr. Christian M. Neuhauser, Oberarzt an der Klinischen Abteilung für Neurologie am Universitätsklinikum St. Pölten, im Podcast „Das Sprechzimmer G1.3“.
Was ist Angst?
Dr. Christian M. Neuhauser: Angst hat eine wichtige biologische Funktion, sie ist ein wichtiger Schutz- und Entwicklungsfaktor. Wir müssen differenzieren zwischen zwei Phänomenen: Das eine ist das Gefühl der Angst, eines der wichtigsten Grundgefühle, die wir in uns tragen. Und dann gibt es eine Reaktionsweise, die Panik. Angst ist ein Gefühl und Panik ist ein Verhalten. Bestimmte Ängste sind entwicklungsgeschichtlich in uns angelegt. Sie sind Überbleibsel unserer animalischen Herkunft: Angst vor Höhe, vor Abgründen, vor potenziell giftigen und todbringenden Lebewesen. In der Regel kann man Ängste sehr gut auf Ebene der Vernunft bewerten. Wenn man beispielsweise Angst vor Schlangen hat, weiß man, dass es sehr unwahrscheinlich ist, in unseren Breiten einen todbringenden Schlangenbiss zu erfahren. Die Vernunft hilft, einen Realitätsabgleich herzustellen. Krankhaft wäre es dann, wenn man die Wohnung nach Schlangennestern absucht. Oder nicht mehr in den Wald geht, weil dort eine todbringende Gefahr lauern könnte. Wenn es ins Irrationale geht, dann hat es einen krankheitswertigen Aspekt. Wir leben heute grundsätzlich in einem Grundgefühl der Angst, sie ist eine gesellschaftliche Determinante geworden. Auch früher war die Welt nicht sicher. Auch damals gab es Terror, Gefahren, ich erinnere an die 1970er Jahre, an die Terroranschläge der RAF. Heutzutage durch die massenmediale Präsenz dieser Dinge ist das Hintergrundgefühl, die Hintergrundanspannung in uns angestiegen. Das heißt, die Angstbereitschaft ist viel höher geworden. Heutzutage zählen Angsterkrankungen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen weltweit.
Oberarzt Dr. Christian M. Neuhauser, Neurologe am Universitätsklinikum St. Pölten,
www.nerven-heilkunde.at
„Man kann vor Angst nicht sterben.“
Wann sollte man sich Hilfe suchen?
Ich bin im Supermarkt und kriege dort eine Panikattacke. Die Panikattacke ist nicht an den Ort geknüpft, sondern dort ist eine biologische Reaktion in mir abgelaufen. Ich sollte daher nicht die Lernerfahrung machen, dass der Supermarkt gefährlich ist. Man muss – einfach gesagt – wieder rauf aufs Pferd. Das heißt, das Beste, was man machen kann, ist wieder in den Supermarkt zu gehen und die Angst dort auszuhalten. Wenn ich aber nicht mehr in den Zug einsteigen kann, wenn ich nicht mehr in den Supermarkt gehen kann, wenn ich den Arbeitsplatz nicht mehr aufsuchen kann, dann ist man lebensuntüchtig. Und dann ist es dringend an der Zeit, sich Hilfe zu suchen.
Wie wirkt sich Angst körperlich aus?
Menschen, die schwere Ängste und Panikattacken haben, haben häufig das Gefühl, zu sterben oder wahnsinnig zu werden. Eine ganz eine wesentliche Botschaft ist: Man kann vor Angst nicht sterben. Unser Körper ist nicht so konstruiert, dass die Angst unendlich ansteigt und dann schlussendlich in ein Kreislaufversagen, ein Atemversagen, einen Herzinfarkt oder Schlaganfall einmünden wird. Angst erreicht immer ein Plateau und ebbt dann wieder ab. In der Angsttherapie lernt man, diese Plateauphase zuzulassen und zu durchleben. Was verblüffend ist: Viele von uns tragen Smartwatches, die biologische Parameter aufzeichnen. Und wenn man schaut, welche biologischen Werte bei einer Angstattacke tatsächlich angestiegen sind, ist es manchmal verblüffend, dass der Puls und der Blutdruck gar nicht so hoch waren.
Wie kann man Angststörungen therapieren?
Angst kann man nicht in irgendeine Schublade geben und zusperren. So nach dem Motto: Wenn ich sie nicht sehe, ist sie nicht da – das klappt nicht. Die Angst klopft immer stärker an die Tür, bis man aufmacht und nachschaut. Nicht selten ist es so, dass man eine diffuse Angst hat, sich dieser dann stellt und danach hat die angesagte Katastrophe überhaupt nicht stattgefunden. Bei Prüfungsangst beispielsweise muss man sich dieser Angst stellen. Eine gute Strategie, um wirklich eine Prüfungsangst zu entwickeln, ist, die Prüfung abzusagen: Ich kann nicht kommen, mir ist so schlecht, ich habe eine Grippe. Beim nächsten Mal geht es wieder nicht. Und beim dritten, vierten, fünften Mal wird das nahezu unüberwindlich. Ich rate zu einer ganz primitiven Strategie: Augen zu und durch. Wenn ich auf mein Leben zurückschaue: Die Situationen, in denen ich gescheitert bin, tun lange nicht so weh wie die Situationen, in denen ich Chancen nicht ergriffen habe, weil ich Angst hatte und zu feig war. Und das ist auch ganz wichtig in der Therapie und in der Überwindung von Ängsten, denn das Problem der Angsterkrankung ist nicht die Angst, sondern das Vermeiden. In der Therapie der Angsterkrankung gilt es, das Vermeiden zu vermeiden. Generell sind Angsterkrankungen ausgezeichnet zu therapieren; auch der Einsatz von Medikamenten spielt eine Rolle.
Kann man Angst vermeiden?
Der Rückblick auf positiv abgelaufene Erfahrungen hilft: sich ins Gedächtnis zu rufen, was einem schon einmal gelungen ist. Auch Mentaltraining kann helfen: sich die angstbehaftete Situation konkret vorzustellen, sie Schritt für Schritt durchzugehen, zu Hause im Geist zu üben. Das heißt, ich wende mich nicht nur vergangenen Erfolgen zu, denn verblüffenderweise gelten vergangene Erfolge vielen Menschen nichts, auch wenn großartige Dinge passiert sind. Aber im Sinne eines Mentaltrainings kann ich mir vorstellen, wie fühlt es sich an, durch diese Situation gut durchzukommen und das gelingt.
Beeinflusst uns generell eine Grundangst vor
dem Sterben, vor dem Lebensende?
Wir sind endliche Wesen. Das ist eine Spielregel des Lebens, die wir zur Kenntnis nehmen müssen. Und das Leben ist letztendlich ein Spiel. Die Regeln sind todernst, aber es ist ein Spiel. Was immer hilfreich ist, ist sich anzuschauen: Wo gibt es denn ungelebtes Leben? Wo habe ich meine Talente, Sehnsüchte, Wünsche nicht gelebt? Weil ungelebtes Leben vergiftet, macht krank und macht Angst. Wenn man das Leben aus der Fülle heraus gestaltet, dann treten diese tiefen existenziellen Ängste in den Hintergrund. Letztendlich ist es natürlich empörend, dass wir alle sterben müssen. Es ist eine große Ungerechtigkeit, nur diese Spielregel ist nicht überwindbar. Es ist die einzige Gewissheit unseres Lebens, dass wir sterben
müssen. Ich persönlich würde über das Phänomen des Sterbens und des Todes gar nicht zu viel nachdenken wollen, weil ich möchte mich dem Leben und der Lebendigkeit widmen.
Podcast „Das Sprechzimmer G1.3“
Warum es sich lohnt, öfter das Handy wegzulegen und sich einfach nur zu langweilen, wo im Gehirn das Angstzentrum verortet ist, wie Sport bei der Therapie von Ängsten helfen kann –viel mehr darüber erfahren Sie on air beim Podcast „Das Sprechzimmer G1.3“, Folge 48. Zu finden auf gängigen Streaming-Plattformen wie Spotify, RTL plus, Apple Podcasts, Amazon Music, Deezer, YouTube Music oder online unter www.landesgesundheitsagentur.at/service/podcast
Fotos: iStock_treety; beigestellt