Erinnerungsstücke gehen, Erinnerungen bleiben
Babygewand und Kinderspielzeug ausmisten, die Sachen des verstorbenen Ehemanns weggeben? Sich von Gegenständen mit emotionalem Wert zu trennen, fällt schwer. Was aber, wenn man daheim viel zu viel hortet? Eine Ordnungsberaterin gibt Tipps.
Kleine Kinder malen zwei Striche oder ein Kreuz auf ein Blatt Papier und finden: Fertig ist das Kunstwerk. Weil die kleinen Künstler meist in die Massenproduktion gehen, entstehen innerhalb kurzer Zeit zig solcher „Kunstwerke“. Was tun damit? Michaela, Mutter des achtjährigen Noah, hat sie aufgehoben. Nicht alle, aber viele. Sie lagern zusammen mit gefühlt tausend Basteleien aus der Kleinkindzeit in einer Lade unter dem Bett von Noah. Wenn Michaela an diese Lade denkt, stöhnt sie kurz auf. „Schrecklich“, sagt sie, „aber wegschmeißen will ich die Sachen auch nicht.“ Sie erinnern sie an den jüngeren Noah, der mit seinem Bärchen-Rucksack auf dem Rücken zielstrebig in die Kindergarten-Garderobe marschierte und in der Nacht zu ihr unter die Decke krabbelte. So wie die „Tut-Tut-Bahn“, die Stofftiere, die Schiebeente aus Holz und all die anderen Spielzeuge, mit denen Noah längst nicht mehr spielt und die das Kinderzimmer füllen. „Wir versuchen, in die Sachen immer wieder ein System reinzubringen“, sagt sie. „Nach kurzer Zeit stellt sich aber wieder Chaos ein.“
Mit Frauen wie Michaela hat Katrin Miseré in ihrem Job als Ordnungscoach oft zu tun. Die sich nicht von den süßen Bodys ihres Kindes trennen können, selbst wenn es schon längst allein mit dem Fahrrad durch den Ort fährt. Die stapelweise Zeichnungen aus der Kleinkindzeit und Basteleien aus dem Kindergarten aufbewahren und immer noch Bilderbücher im Regal haben – während das Kind schon längst nicht mehr bastelt und mit der Harry-Potter-Reihe durch ist.
Behalten oder weggeben?
Warum es ihnen so schwerfällt, diese Sachen auszusortieren? Sie erinnern sie an die Baby- und Kleinkindzeit, eine Phase, die vorbei ist. Und so anstrengend sie gewesen sein mag: Viele Eltern sind wehmütig und ein bisschen traurig, dass sie nie wieder kommt.
Als Ordnungscoach hilft Katrin Miseré Menschen, ihre Habseligkeiten zu ordnen und sich von Dingen zu trennen, die sie nicht mehr brauchen. Sie überredet aber niemanden dazu, etwas unbedingt loszuwerden – schon gar nicht Erinnerungsstücke. „Niemand muss ausmisten. Es gibt kein Gesetz, das vorschreibt, man müsste nach einer bestimmten Zeit zum Beispiel die Dinge eines lieben Verstorbenen weggeben.“ Es sei eine höchst individuelle Entscheidung, wann man sich dazu durchringt – ob man sich überhaupt dazu durchringt. Wenn eine Frau, die mit ihrem Ehemann fünfzig Jahre verheiratet war, es nicht übers Herz bringt, seinen Kleiderschrank zu leeren, sei das okay. Jede und jeder habe das Recht, Kisten mit Kinderkleidung und altem Spielzeug auf dem Dachboden zu lagern, auch wenn die Kinder längst ausgezogen sind.
Und doch: Viele Menschen machen sich irgendwann ans Ausmisten. Schlicht, weil ihnen der Platz fehlt oder weil sie sich mental von Ballast befreien möchten und mit etwas abschließen möchten. Oft stecken sie in einem Dilemma, wie es auch Michaela kennt: Einerseits hängt sie an vielen Dingen, andererseits leidet sie unter dem Zuviel. Unter vollgestopften Laden und Schränken, Platzmangel und Chaos.
Das Loslassen üben
Wenn Menschen mit dem Ausmisten beginnen, raten Ordnungsberater meist, dort anzufangen, wo es einem leicht fällt. Bei den abgelaufenen Kosmetikprodukten im Badezimmer. Oder den Putzmitteln, die man nicht mehr verwendet. Daran hängen (meist) keine wertvollen Erinnerungen. An ihnen kann man das Loslassen „üben“. Bei Michaela sind das zum Beispiel die Aufbewahrungsbehälter aus Plastik in der Küche, die keinen Deckel mehr haben. Die landen, ohne groß darüber nachzudenken, im Müll. Bei Kleidungsstücken fällt es ihr schon schwerer. „Was, wenn ich sie doch noch einmal anziehe?“ Bei Spielzeug denkt sie oft: „Was, wenn mein Sohn genau damit noch einmal spielen möchte?“ Oder: „Das war ziemlich teuer – das behalte ich lieber.“ Mit ähnlichen Gedanken plagen sich Katrin Miserés Kundinnen und Kunden. Und dann sind da noch die sentimentalen Gründe, die sie davon abhalten, sich zu trennen. „Der Satz ‚Da hängen Erinnerungen dran‘ wird oft als Begründung dafür verwendet, dass die Dinge bleiben“, sagt Miseré. Sie rät, sich einige Reflexionsfragen zu stellen – um zu klären, wie sehr man an den Gegenständen hängt: Sind die Erinnerungen an einen lieben Menschen oder an vergangene Zeiten tatsächlich so stark an Dinge gekoppelt? Würden sie verschwinden, wären diese nicht mehr da? „Man kann sich selbst testen, indem man sich überlegt, was die wirklich prägenden Erinnerungen im Leben sind und ob man zu jeder einen Gegenstand hat.“ Wahrscheinlich ist das nicht der Fall. Sicher, es gebe Erinnerungen, die nur hochkommen, wenn einem ein bestimmtes Ding in die Hände fällt. In diesem Fall könnte man sich fragen: „Wie wichtig ist diese Erinnerung, wenn ich sonst nie daran denke?“
Abschied kann weh tun
„Dinge, an denen Erinnerungen hängen, wegzugeben, ist immer mit Abschied verbunden“, sagt Miseré. Ob es das geerbte Kaffeeservice der Großeltern ist, denen man nahestand, oder die Garderobe des verstorbenen Ehemannes: „Ein solches Ausmisten ist ein Prozess, der schwierig und mit sehr emotionalen Momenten verbunden sein kann.“ Ein erster wichtiger Schritt sei deswegen, zu akzeptieren, dass Loslassen weh tun kann – auch das Loslassen von Materiellem. Viele Menschen hätten Angst, dass die Traurigkeit, die einem mit dem Ausmisten überkommt, bleibt, erzählt Miseré. Das passiere normalerweise nicht. Eine andere Sorge: Was, wenn ich das, was ich weggebe, irgendwann vermisse? Mit der einen oder anderen Fehlentscheidung müsse man rechnen. „Dann denkt man sich in einem Jahr vielleicht wirklich, das hätte ich noch brauchen können.“ Wer sich im Ausmistprozess aber die richtigen Fragen stellt, würde selten etwas richtig bereuen. Niemand muss außerdem alles loswerden. „Eine gut kuratierte Erinnerungskiste, in die die Meilensteine reinkommen, kann etwas Wunderbares sein“, sagt Katrin Miseré. Dort kann man einen Body des Kindes, die schönsten Zeichnungen und das Lieblingsspielzeug hineingeben. Am besten bewahrt man sie an einem gut zugänglichen Ort auf, dann kann man sie jederzeit hervorholen, wenn man das Bedürfnis danach hat. Eine andere Möglichkeit: Erinnerungsstücke nicht verstauben lassen, sondern mutig im Alltag nutzen. Das schöne Kaffeeservice der Großmutter zum Beispiel. Es muss ja nicht das komplette Service sein. Auch ein schöner Teller für Kekse oder das Milchkännchen lassen an die Oma denken. Den Rest darf man guten Gewissens weggeben – wenn man das möchte.
Text: Sandra Lobnig⎪Fotos: iStock_Vladimir Vladimirov, _PCH-Vector, _muzzza; Thomas Kierok