Die Macht der Düfte
Der Geruchssinn wird häufig unterschätzt. Erst wenn er verloren geht, wird deutlich, wie unverzichtbar er eigentlich ist. Denn er spielt eine essenzielle Rolle für unsere Orientierung, das Erinnerungsvermögen und die Lebensqualität.
Es ist ein vertrautes und zugleich rätselhaftes Phänomen: Beim Betreten eines Raums steigt ein intensiver Geruch in die Nase, der uns unvermittelt in eine fast vergessene Lebensphase zurückträgt. Vor dem geistigen Auge werden Szenen aus der Vergangenheit lebendig, lange verschüttete Emotionen erwachen. Schon der Besuch einer Bäckerei, die vom süßen Duft frisch gebackener Kuchen und knuspriger Brote erfüllt ist, kann uns an die Leichtigkeit unbeschwerter Kindheitstage erinnern. Vor allem Parfumhersteller wissen um die enorme Wirkung von Düften auf Emotionen und Erinnerungen. Eine markante Duftnote kann uns blitzartig in glückliche Momente zurückversetzen oder Erinnerungen an eine vergangene Liebe wachrufen. Aber nicht nur angenehme, auch unangenehme Gerüche prägen sich ein: Der charakteristische Geruch einer Schule ist meist noch im Gedächtnis – der säuerliche Mief des abgegriffenen Tafelschwamms, der Staub der Kreide oder der abgestandene Schweißdunst im Turnsaal. Die damit verbundenen Erinnerungen an Prüfungssituationen oder Turnübungen lösen bei vielen bis heute gemischte Gefühle aus.
„Gerüche werden in Gehirnregionen verarbeitet, die Emotionen und Erinnerungen steuern – vor allem in der Amygdala und im Hippocampus.“
Interview mit Assoz. Prof. PD. Dr. Mag. Johann Lehrner, klinischer Psychologe und Psychotherapeut
„Messbarer Einfluss auf unser Wohlbefinden“
Welchen Stellenwert hat das Riechen – und wo steht es im Vergleich zum Sehen?
Der Geruchssinn wird vor allem im Vergleich zum Sehsinn massiv unterschätzt. Darauf deuten zahlreiche psychologische und neurowissenschaftliche Studien hin. In Befragungen, in denen Menschen ihre Sinne nach ihrer subjektiven Bedeutung ordnen sollen, rangiert das Sehen regelmäßig auf Platz 1. Der Geruchssinn landet dagegen häufig am Ende der Skala. Dieses Missverhältnis zeigt sich auch in der europäischen „Smell & Taste Survey“ aus dem Jahr 2020. Eine Mehrheit der Befragten erklärte, eher auf den Geruchssinn verzichten zu können als auf das Smartphone. Diese Bewertung änderte sich erst, als die Folgen eines Riechverlustes erklärt wurden – wie etwa eingeschränkter Genuss, ein erhöhtes Depressionsrisiko oder die geringere Fähigkeit, Gefahren wie Gas, Rauch oder verdorbene Lebensmittel wahrzunehmen.
Wie können Düfte unser Wohlbefinden beeinflussen?
Vertraute Gerüche, insbesondere aus dem Bereich von Essen und Trinken, haben einen messbaren Einfluss auf unser Wohlbefinden. Sie können angenehme Gefühle auslösen und entspannend wirken, weil sie eng mit positiven Erinnerungen verknüpft sind – etwa bestimmte Gewürze, die viele Menschen mit der Weihnachtszeit verbinden. Solche Düfte können zudem Ängste mindern. Das zeigte auch eine Studie meiner Arbeitsgruppe: In einer Zahnarztpraxis wirkte der Duft von Orangen im Wartezimmer beruhigend und reduzierte die Anspannung der Patientinnen und Patienten.
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Text: Jacqueline Kacetl⎪Fotos: iStock_Vizerskaya