Gelenke in Aufruhr

Rheumatoide Arthritis beginnt oft schleichend, doch die Folgen sind massiv. In Österreich leben rund 90.000 Betroffene mit der entzündlichen Gelenkerkrankung. Schmerzen in Händen und Gelenken machen den Alltag zur Qual.

Es begann mit einem merkwürdigen Ziehen in der Hand, kaum der Rede wert. Doch für Andrea Bachnetzer sollte es der Auftakt zu einem Albtraum werden. Die medizinische Schreibkraft tippte an ihrer Computertastatur, als ein stechender Schmerz die rechte Hand lahmlegte. „Ich konnte das Handgelenk keinen Millimeter bewegen“, erinnert sich die Tirolerin. Die Beschwerden verschwanden auch nachts nicht, rissen sie immer wieder aus dem Schlaf. Am nächsten Morgen war alles wie weggeblasen, und für einen Moment konnte sie aufatmen. Doch die Erleichterung hielt nicht lange: In den folgenden Tagen griff der Schmerz auf das andere Handgelenk über, wanderte weiter in die Knie- und Fußgelenke. Jede Bewegung wurde zur Qual, jeder Schritt zur Herausforderung. „Ich konnte mich kaum noch bewegen“, erzählt Bachnetzer. „Meine kleinen Kinder mussten mitansehen, wie ich auf dem Boden zur Toilette robbte. Die Schmerzen waren so stark, dass ich einfach nicht mehr gehen konnte.“ Die Erinnerung an diese dunklen Stunden ist für die heute 65-Jährige immer noch belastend, auch wenn sie zeigt, wie stark Körper und Geist sein können.

Wenn jeder Griff schmerzt

Die entzündliche Gelenkerkrankung, früher unter dem Namen chronische Polyarthritis bekannt, beginnt meist schleichend mit unspezifischen Beschwerden. „Am häufigsten klagen Betroffene über schmerzhafte, geschwollene Gelenke, vor allem an Händen und Füßen“, erklärt der Rheumatologe Dr. Martin Kasper. „Typisch ist die Morgensteifigkeit, die oft länger als eine Stunde anhält. Meist sind die Gelenke auf beiden Seiten betroffen, und die Symptome treten plötzlich auf – quasi über Nacht.“ Bei Andrea Bachnetzer zeigten sich die Beschwerden in den Hand-, Knie- und Sprunggelenken. „Am schlimmsten waren die dumpfen Schmerzen in den Handgelenken“, sagt sie. „Die Hände braucht man ja für alles – schon einfache Arbeiten wie Staubsaugen oder Geschirr-abwaschen wurden zu einer Qual. Selbst die tägliche Pflege fiel schwer – wegen der Schmerzen fehlte mir oft die Kraft, die Zahnbürste zu halten.“ Trotz guter Wirkung der Medikamente blieben die Beschwerden spürbar. „An guten Tagen konnte ich spazieren gehen oder Nordic walken, aber jede Bewegung war von Schmerzen begleitet.“

 

„Wir wissen, dass rheumatoide Arthritis durch ein Zusammenspiel aus genetischer Veranlagung, Umweltfaktoren und einer Fehlsteuerung des Immunsystems entsteht.“

- Dr. Martin Kasper, Facharzt für Rheumatologie, Innere Medizin und Psychosomatik

 

Angriff von innen

Nach aktuellen Schätzungen leben in Österreich etwa 90.000 Menschen mit rheumatoider Arthritis. Frauen sind zwei- bis dreimal häufiger betroffen als Männer (siehe Interview Seite 34). Rheumatoide Arthritis gilt als die häufigste entzündlich-rheumatische Erkrankung im rheumatischen Formenkreis, zu dem mehr als 200 verschiedene Erkrankungen gehören. Dazu zählen neben häufigem Gelenkrheuma auch seltene Autoimmunerkrankungen wie Lupus und Erkrankungen des Bindegewebes. „Allen gemeinsam ist eine fehlgeleitete Immunreaktion, bei der sich das Abwehrsystem gegen den eigenen Körper richtet und dabei auch Organsysteme betreffen kann“, sagt Kasper. Bei der rheumatoiden Arthritis richtet sich das Immunsystem gezielt gegen die Gelenk-Innenhaut und löst dort eine chronische Entzündung aus. Dadurch entstehen entzündliche Zellen und Botenstoffe, die Knorpel und Knochen schädigen. Die Folge sind Schmerzen, geschwollene und steife Gelenke, die den Alltag der Betroffenen erschweren.


Auf der Spur der Auslöser

Die genauen Ursachen der chronisch-entzündlichen Autoimmunerkrankung sind bislang nicht vollständig geklärt. „Wir wissen, dass rheumatoide Arthritis durch ein Zusammenspiel aus genetischer Veranlagung, Umweltfaktoren und einer Fehlsteuerung des Immunsystems entsteht“, erläutert Kasper. Bestimmte Genvarianten erhöhen das Erkrankungsrisiko. Als bedeutendster Risikofaktor gilt das Rauchen: Vor allem Menschen, die lange Zeit und intensiv rauchen, erkranken deutlich häufiger. Darüber hinaus diskutieren Forscherinnen und Forscher Infektionen als mögliche Auslöser bei entsprechend veranlagten Menschen. Im Fokus steht unter anderem ein Mundbakterium, das bei Parodontitis vorkommt. Auch Viren hat

Die ständigen Schmerzen bedeuten eine große psychische Belastung.


„Psychische Belastung wird unterschätzt“

 

Dr. Martin Kasper, Facharzt für Rheumatologie, Innere Medizin und Psychosomatik, mit Ordinationen in Mödling und Wien

 

Warum sind Frauen von rheumatoider Arthritis häufiger betroffen als Männer?

Frauen erkranken etwa zwei- bis dreimal so häufig wie Männer. Als wesentlicher Einflussfaktor gilt das Hormonsystem. Weibliche Hormone beeinflussen das Immunsystem und können Entzündungsprozesse begünstigen. Auffällig ist, dass die Erkrankung gehäuft in Phasen hormoneller Veränderung auftritt, zum Beispiel nach einer Schwangerschaft oder in den Jahren rund um die Menopause. Darüber hinaus ist bei Frauen ab dem 50. Lebensjahr ein Osteoporose-Screening besonders wichtig. Osteoporose tritt bei Menschen mit Rheuma häufiger auf. Das liegt zum einen an der chronischen Entzündung selbst, zum anderen an bestimmten Therapien, insbesondere an einer längerfristigen Behandlung mit Kortison. Auch genetische Faktoren spielen eine Rolle. Warum Frauen insgesamt anfälliger für die Erkrankung sind, ist aber noch nicht vollständig geklärt.

Wie groß ist die seelische Belastung?

Die psychische Belastung bei rheumatoider Arthritis wird oft unterschätzt. Neben anhaltenden Schmerzen leiden viele Betroffene unter ausgeprägter Müdigkeit, Erschöpfung und einem allgemeinen Krankheitsgefühl. Auch Funktionseinschränkungen im Alltag und im Beruf können psychisch stark belasten. Hinzu kommt die Ungewissheit über den weiteren Verlauf der Erkrankung, die Ängste verstärken kann. Nicht selten entwickeln sich depressive Verstimmungen oder behandlungsbedürftige Depressionen. Wichtig sind eine verlässliche ärztliche Begleitung, verständliche Aufklärung und eine individuell abgestimmte Therapie. Ebenso hilfreich sind psychologische Unterstützung, regelmäßige Bewegung und der Austausch mit anderen Betroffenen. Eine ganzheitliche Betreuung stabilisiert die seelische Gesundheit und kann sich positiv auf Lebensqualität und Krankheitsverlauf auswirken.

Welche Rolle spielt die Ernährung?

Eine ausgewogene Ernährung ersetzt keine medikamentöse Therapie, sie kann den Krankheitsverlauf jedoch positiv unterstützen. Empfehlenswert ist eine entzündungshemmende Kost, orientiert an der mediterranen Küche. Dazu zählen reichlich Gemüse und Obst, Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte, Nüsse, Fisch und hochwertige pflanzliche Öle. Besonders wichtig ist eine ausreichende Zufuhr von Omega-3-Fettsäuren, etwa aus fettreichem Seefisch oder Leinöl. Gleichzeitig sollte die Aufnahme von Omega-6-Fettsäuren und gesättigten Fetten, vor allem aus tierischen Produkten, reduziert werden. Ungünstig sind stark verarbeitete Lebensmittel, Zucker und größere Mengen rotes Fleisch. Auch ein normales Körpergewicht ist wichtig, denn Übergewicht kann entzündliche Prozesse im Körper verstärken.

Physiotherapie ist ein wichtiger Therapiebaustein bei Rheuma.

Wie wichtig sind Bewegung und Physiotherapie?

Bewegung ist ein ganz zentraler Bestandteil der Therapie bei rheumatoider Arthritis. Regelmäßige Aktivität erhält die Beweglichkeit der Gelenke, stärkt die Muskulatur und kann Schmerzen sowie Morgensteifigkeit reduzieren. Zudem verbessert sie Koordination und Ausdauer und wirkt sich positiv auf das allgemeine Empfinden aus. Besonders geeignet sind gelenkschonende Aktivitäten wie zügiges Gehen, Radfahren, Schwimmen oder Wassergymnastik. Ergänzend spielt die Physiotherapie eine wichtige Rolle. Individuell angepasste Übungen fördern Kraft, Stabilität und Funktion, insbesondere an Händen und Füßen. Wichtig ist eine kontinuierliche, maßvolle Belastung. Bewegung sollte regelmäßig erfolgen, ohne entzündete Gelenke zu überfordern.


BUCHTIPPS

Dr. med. Keihan Ahmadi-Simab

Rheuma

Die optimale Therapie bei rheumatoider Arthritis

Wenn es Ihnen morgens schwerfällt, eine Faust zu ballen, wenn Ihre Gelenke schmerzen, anschwellen und steif sind, ist die Diagnose „Rheumatoide Arthritis“ wahrscheinlich. Jetzt ist es wichtig, möglichst schnell zu handeln. Die Chancen, ein Fortschreiten der Erkrankung aufzuhalten und sogar schmerzfrei zu leben, sind bei frühzeitigem Therapiebeginn sehr gut.

Der Rheuma-Experte Dr. Keihan Ahmadi-Simab bietet Orientierung und fachkundige Hilfe.

ISBN: 978-3-432120324

 
 

Dr. med. Anna Maier

Rheuma ist weiblich

Wie Frauen Rheuma erleben und gezielt Beschwerden lindern können. Frauen sind deutlich häufiger betroffen, erleben Schmerzen anders als Männer und reagieren oft unterschiedlich auf Medikamente. Dennoch wird diese Perspektive in Forschung, Diagnostik und Therapie noch zu wenig beachtet. RheumaDoc Anna Maier wirft einen Blick auf die weibliche Gesundheit.

ISBN: 978-3-842632202

 

Text: Jacqueline Kacetl⎪Fotos: iStock_Scandistock, Stock_gilaxia, _fizkes; Felicitas Matern

 

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