Hände, die verstehen

Seelsorge in Gebärdensprache gibt gehörlosen Menschen Raum für Glauben, Trost und Austausch – ohne sprachliche Barrieren.

Seelsorge gibt gerade in schwierigen Lebenssituationen Halt. Für gehörlose Menschen war dieser Zugang lange Zeit eingeschränkt. In der Diözese St. Pölten wird die Gehörlosenseelsorge deshalb erweitert. „Bis jetzt gab es gemeinsam mit zwei Priestern und ehrenamtlichen Helfenden schon Angebote wie Messen oder Wallfahrten für Gehörlose“, erklärt Bärbel Maria Bauer, Gehörlosenseelsorgerin der Diözese St. Pölten. „Neu ist, dass ich Menschen auch direkt aufsuchen kann – im Klinikum, im Pflegezentrum, in der Justizanstalt, in Einrichtungen oder zu Hause. Dort können wir in Gebärdensprache miteinander kommunizieren.“ Für hörende Menschen ist es selbstverständlich, Sorgen oder Glaubensfragen im Gespräch auszudrücken. Für gehörlose Menschen fehlen solche Möglichkeiten jedoch häufig – vor allem, wenn im Umfeld niemand Gebärdensprache beherrscht. „Viele gehörlose Menschen erleben im Alltag zahlreiche Barrieren“, sagt Bauer. „Wenn man gehörlos ist und das Haus verlässt, begegnet man schnell Situationen, in denen Kommunikation schwierig wird. Deshalb ist es so wichtig, dass es jemanden gibt, der sie in Gebärdensprache versteht.“

 

Bärbel Maria Bauer, Gehörlosenseelsorgerin der Diözese St. Pölten

 

Zwischen Isolation und Gemeinschaft

Gehörlose Menschen leben oft weit verstreut oder gar isoliert, insbesondere im ländlichen Raum. Begegnungen mit Personen, die Gebärdensprache beherrschen, sind nicht selbstverständlich. Seelsorge bedeutet deshalb nicht nur Unterstützung in Krisen, sondern auch Begleitung in den schönen Momenten des Lebens. „Es geht nicht nur um Sorgen“, betont Bauer. „Manchmal erzählen mir Menschen auch von freudigen Ereignissen – etwa wenn jemand Großmutter geworden ist. Ich bin einfach für alles da, was Menschen bewegt.“ In Einrichtungen wie Krankenhäusern oder Pflegezentren übernimmt Bauer zudem oft eine vermittelnde Rolle. „Ich bin manchmal eine Brücke zwischen Hörenden und Gehörlosen. Ich kenne beide Welten und kann helfen, Bedürfnisse verständlich zu machen.“

Daumen und Zeigefinger formen die Gebärde für „gut“.

Trost in schweren Zeiten

Wie wichtig diese Unterstützung sein kann, zeigt eine berührende Erfahrung aus ihrer Arbeit: Eine gehörlose Mutter hatte ihre Tochter verloren. Ein Jahr später fand eine Gedenkfeier statt. „Ich habe damals dabei geholfen, dass auch gehörlose Menschen in die Feier einbezogen wurden“, erzählt Bauer. „Es wurden visuelle Elemente eingebaut und ich war danach für Gespräche da. Gehörlose Menschen sind stark auf visuelle Informationen angewiesen. Wenn niemand darauf achtet, werden sie bei solchen Anlässen leicht ausgeschlossen.“ Neben der Begleitung in Krisen entstehen in der Diözese auch neue spirituelle Angebote in Gebärdensprache, etwa Führungen, Treffen oder religiöse Impulse. So werden derzeit beispielsweise die Evangelien der Osterliturgie von gehörlosen Menschen in Gebärdensprache gefilmt und online zugänglich gemacht. Für Bauer steht dabei immer der persönliche Kontakt im Mittelpunkt: „Wenn Menschen mit ihren Sorgen allein bleiben, kann das sehr belastend sein. Ich kann den Schmerz nicht wegnehmen – aber ich kann für sie da sein.“


Gehörlosenseelsorge

Die Gehörlosenseelsorge der Diözese St. Pölten ist für gehörlose Menschen ebenso wie für ihr Umfeld erreichbar. Kommt eine gehörlose Person etwa in ein Krankenhaus, Pflegezentrum oder eine andere Einrichtung, können sich auch hörende Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter direkt melden. Wichtig: Die Angebote stehen auch Menschen offen, die kein Mitglied der Kirche sind.

Kontakt: 0676/826688261, b.bauer@dsp.at, www.dsp.at


Text: Michaela Neubauer⎪Fotos: iStock_Jovanmandic; Julia Sanftl, Bärbel Bauer

 

Hier NEWSLETTER bestellen

〰️

Hier NEWSLETTER bestellen 〰️

Zurück
Zurück

„Krebs heißt nicht automatisch Tod“

Weiter
Weiter

In Hülle und Fülle