„Krebs heißt nicht automatisch Tod“
Zwei Krebsdiagnosen, ein Buch und ein großes Projekt für andere Betroffene: Dr. Andrea Kdolsky, Ärztin und ehemalige Gesundheitsministerin, spricht mit GESUND & LEBEN über Vorsorge, Kontrollverlust, Hoffnung – und ihre nächsten Pläne.
Trotz schwerer Schicksalsschläge verliert Andrea Kdolsky nicht ihr Lachen und schmiedet Pläne für die Zukunft
Die WHO warnt vor einem deutlichen Anstieg von Krebserkrankungen, besonders bei jungen Menschen. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie diese Zahlen sehen?
Dr. Andrea Kdolsky: Ich glaube nach wie vor, dass wir in Österreich schlecht in der Vorsorge
sind – obwohl sie so einfach wäre. Gerade beim Darmkrebs. Die Koloskopie ist heute mit Dämmerschlaf in keiner Weise mehr schmerzhaft oder problematisch. Jeder, der ein gewisses Alter erreicht hat oder familiär vorbelastet ist, sollte sie regelmäßig machen. Damit haben wir wirklich gute Chancen, Krebs früh zu erkennen. Gleichzeitig zeigen die aktuellen Zahlen, dass die Überlebensraten dank Forschung und Wissenschaft enorm gestiegen sind. Aber Vorsorge wird trotzdem zu wenig angenommen – das ist das eigentliche Problem.
Sie selbst waren regelmäßig bei der Vorsorge. Trotzdem wurde 2024 bei Ihnen Darmkrebs diagnostiziert.
Ja. Ich war zuletzt neun Monate vor der Diagnose bei der Untersuchung, bin auch genetisch vorbelastet. Es wurden zuletzt sogar Polypen entfernt. Offenbar wurde das Karzinom dennoch übersehen – möglicherweise war die Darmreinigung nicht optimal. Die Vorbereitung ist extrem wichtig, sonst sieht man nichts. Dazu kommt, dass es sich bei mir um ein Plattenepithelkarzinom gehandelt hat, das am Boden des Darms sitzt und schwerer zu erkennen ist. Entdeckt wurde es letztlich im MRT, zu dem mich meine Gynäkologin geschickt hat. Symptome hatte ich gar keine.
Dr. Andrea Kdolsky, Ärztin und ehemalige Gesundheitsministerin
„Bitte nicht alles googeln. Suchen Sie sich verlässliche Informationen und Menschen, die Sie begleiten. Und behalten Sie, so gut es geht, Ihren Humor. Ohne den geht es nicht.“
Nach wenigen Monaten waren Sie in Vollremission, die zweite Diagnose kam dann sehr plötzlich. Was ist da passiert?
Ende April 2025 hatte ich am Flughafen einen kurzen Aussetzer, so eine Art Bewusstlosigkeit. Daraufhin wurde ein CT gemacht und man fand eine riesige Hirnmetastase rechts frontoparietal. Histologisch stellte sich heraus, dass es sich um ein Zweitkarzinom handelte, ein neuroendokrines Karzinom. Das ist eine besonders unangenehme Geschichte, weil es kleinzellig ist, schnell wächst und früh metastasiert. Der Vorteil ist, dass es gut auf Chemotherapie anspricht. Der Nachteil sind natürlich die massiven Nebenwirkungen. Ich war mehrfach im Spital, habe rund 40 Kilo abgenommen. Da verliert man Muskelkraft, Energie, Stabilität. Das Gehen wird unsicher, die Feinmotorik leidet, durch die Neuropathien funktioniert vieles nicht mehr so, wie man es gewohnt war.
Sie kennen das Gesundheitssystem von innen – wie erleben Sie es jetzt als Patientin?
Ich war selbst jahrzehntelang Ärztin. Ich weiß, was es heißt, an einer Uniklinik zu arbeiten, Studierende zu betreuen, Patienten zu versorgen und gleichzeitig Forschung zu betreiben. Und gerade die Forschung machen sie großartig. Österreich ist bei den Fünf-Jahres-Überlebensraten europaweit ganz vorne dabei. Aber es fehlt der niederschwellige Zugang zu Information und Begleitung. Es braucht viel mehr Aufklärung, zum Beispiel auch für Angehörige hinsichtlich des richtigen Umgangs mit Erkrankten. Genau deshalb baue ich jetzt im Burgenland ein Maggie’s Center auf – angegliedert an eine Onkologie, aber ohne medizinische Diagnostik. Das ist ein offener Raum, wo man hingehen kann, Fragen stellen darf, reden kann. Sonst landet man bei Dr. Google – und dort wird es wirklich gefährlich für die Psyche.
Was hat die Diagnose emotional mit Ihnen gemacht?
Am Anfang war da natürlich Fassungslosigkeit. Die Frage: Warum ich? Und dann der Versuch, nicht in Angst und Lähmung zu versinken. Ich habe mir relativ schnell einen Plan gemacht. Dinge, auf die ich mich freue. Das Buch war ein Punkt. Das Maggie’s Center ein zweiter. Eine Vespa-Reise ein dritter. Ich empfehle das wirklich allen Betroffenen: Machen Sie sich einen Plan. Suchen Sie sich Dinge, die Sie gerne tun oder noch tun möchten. Das zieht einen aus der Untätigkeit und aus der Depression.
Ihr Buch heißt „Blumen in der Wüste“. Was bedeutet dieses Bild für Sie?
Ich habe in der Wüste im Oman Blumen gesehen, die unter völlig unmöglichen Bedingungen wachsen. Staubtrocken, heiß, kein Wasser – und trotzdem blühen sie. Dieses Bild trage ich in mir. Selbst in der aussichtslosesten Situation kann etwas wachsen. Das gibt mir Mut. Ich habe gelernt, ruhiger zu werden. Auf meinen Körper zu hören. Um Hilfe zu bitten. Dinge abzusagen, wenn es nicht geht. Und mich von Energieräubern zu trennen. Menschen, die nur nehmen und nichts zurückgeben. Das hätte ich früher nie so konsequent gemacht.
Was ist Ihr wichtigster Appell an andere Betroffene?
Die Diagnose Krebs heißt nicht automatisch Tod. Krebs ist bei jedem Menschen anders. Man darf sich nicht vergleichen. Bewegung ist extrem wichtig – auch gegen Nebenwirkungen wie Neuropathie. Auch Ernährung spielt eine wichtige Rolle, aber diese Zuckerhysterie ist Unsinn. Entscheidend sind Genetik, chronische Entzündungen und das Immunsystem. Und vor allem: Bitte nicht alles googeln. Suchen Sie sich verlässliche Informationen und Menschen, die Sie begleiten. Und behalten Sie, so gut es geht, Ihren Humor. Ohne den geht es nicht.
Und worauf freuen Sie sich jetzt?
Auf einen Urlaub in Griechenland, auf das Meer, auf das Maggie’s Center. Pläne zu haben heißt, weiterzugehen.
BUCHTIPP
Andrea Kdolsky
Blumen in der Wüste.
Die Schönheit schwerer Zeiten.
Berührend und ehrlich erzählt Andrea Kdolsky, wie sie trotz Schicksalsschlägen die Hoffnung bewahrte und welche Rolle das für die Heilung spielt. Sie gibt allen Kraft, die selbst eine schwere Diagnose erhalten haben, und zeigt: Es kann immer gut werden.
ISBN: 978-3-990018897
Text: Michaela Neubauer⎪Fotos: Karharina Schiffl, beigestellt