Wie streiten gelingt
Konflikte begegnen uns in vielen Bereichen des Lebens. Doch Streit ist nicht gleich Streit – wie man damit umgeht, ist entscheidend.
Konflikte gehören zum Alltag – in der Beziehung, im Beruf und manchmal sogar mit uns selbst. Während kleine Auseinandersetzungen meist schnell wieder vergessen sind, hinterlassen größere Konflikte oft Spuren. Entscheidend ist dabei nicht, ob wir streiten, sondern wie wir mit Konflikten umgehen.
Emotionen im Weg
Wie wir im Streit reagieren, hängt von verschiedenen Faktoren ab.
Bei einem Streit kochen die eigenen Gefühle oft hoch. Das zeigt auch das sogenannte Eisbergmodell. Demnach spielt sich ein Konflikt immer auf zwei Ebenen ab. Die sachliche Ebene macht dabei nur 20 bis 30 Prozent aus. Der Rest findet auf der unbewussten Ebene – der emotionalen Ebene – statt (siehe Infokasten rechts). „In einem Streit überwiegen oftmals die emotionale Ebene und die Beziehungsebene stark. Genau das macht konstruktives Streiten jedoch schwierig“, erklärt Pädagogin Mag. Maria Schuckert, regionale Leitung im Angebotsbereich Kinderbetreuungseinrichtungen beim Hilfswerk NÖ. Wie wir in einem Streit reagieren, hängt von verschiedenen Faktoren ab: von der Situation an sich, dem Streitpartner und der Art der Beziehung. Auch die Tagesverfassung spielt eine große Rolle. Manchmal gelingt es, in ein reflektiertes Verhalten zu wechseln – doch in anderen Fällen ist das aufgrund der starken Gefühle nicht möglich. „Wenn wir nicht in der Lage sind, unsere Emotionen zu regulieren, stehen sie uns oft im Weg. Viele Konflikte eskalieren genau aus diesem Grund. Jeder Mensch muss für sich selbst herausfinden, welche Strategien helfen, mit starken Emotionen umzugehen“, sagt Schuckert. Manchmal hilft es, von 10 rückwärts zu zählen. Sich kurz zurückzuziehen oder einen Spaziergang an der frischen Luft zu machen, unterstützt ebenfalls dabei, die Emotionen abzukühlen. „Wichtig ist, sich erst in einem ruhigeren Moment mit dem Inhalt des Konflikts auseinanderzusetzen. Hilfreich kann es auch sein, sich Unterstützung zu holen – etwa durch ein gemeinsames Gespräch mit einer neutralen Person oder durch professionelle Mediation“, fügt die Pädagogin hinzu.
Mag. Maria Schuckert, Pädagogin beim Hilfswerk NÖ
Grundstein in der Kindheit
Wie man mit Konflikten umgeht, hängt auch damit zusammen, welcher Konflikttyp man ist. So gibt es etwa den „Durchsetzer“, der konsequent seine eigenen Interessen verfolgt, während der „Nachgeber“ eher dazu neigt, sich anzupassen. Der „Vermeider“ hingegen geht Konflikten möglichst aus dem Weg und hofft, dass sie sich von selbst klären. „Gesündere“ Formen der Konfliktbewältigung sind der kooperative Typ und der „Kompromisssucher“. Der persönliche Umgang mit Konflikten entwickelt sich bereits früh im Leben. „Vor allem in den ersten sechs Lebensjahren wird die Emotionsregulation entscheidend geprägt. Kinder brauchen in dieser Zeit gute Begleitung und positive Erfahrungen, um zu lernen, wie Streit gelingen kann“, betont Schuckert. Dabei spielt das Umfeld eine zentrale Rolle: Kinder lernen vor allem durch Beobachtung. Erwachsene haben somit eine wichtige Vorbildfunktion im Umgang mit Konflikten. Ein respektvoller Austausch sowie die Fähigkeit, sich zu entschuldigen und Fehler einzugestehen, wirken sich positiv auf das spätere Verhalten der Kinder aus. Wichtig ist jedoch, Kinder nicht vollständig vor Konflikten zu schützen. „Kinder profitieren davon, wenn sie miterleben, wie Konflikte konstruktiv gelöst werden – auch ohne selbst beteiligt zu sein. Entscheidend ist dabei, dass Streit ohne Gewalt, ohne abwertende Sprache und ohne starkes Machtgefälle geführt wird.“
„Ungelöste Konflikte können belasten“
Doch wie gelingt es, Konflikte konstruktiv zu lösen? Ein zentraler erster Schritt ist die Reflexion. Wer innehält und Situationen im Nachhinein betrachtet, kann daraus lernen und seine Handlungsmöglichkeiten für zukünftige Konflikte erweitern. „Gelungene Lösungen sollte man bewusst wahrnehmen und abspeichern“, betont die Expertin. Im akuten Konflikt kommt es vor allem auf aktives Zuhören an. Das bedeutet, das Gegenüber ausreden zu lassen, Gesagtes zusammenzufassen und sicherzugehen, dass man es auch richtig verstanden hat. Vorwürfe oder Verallgemeinerungen sind dabei wenig hilfreich. Ebenso wichtig ist es, Emotionen und Inhalte zu trennen: Was genau wurde gesagt – und was hat mich daran verletzt? Auch der richtige Rahmen spielt eine Rolle. Für klärende Gespräche sollte man sich bewusst Zeit nehmen. Ein gemeinsamer Spaziergang oder ein neutraler Ort können helfen, eine ruhige Atmosphäre zu schaffen. Am Ende sollte der Konflikt möglichst abgeschlossen sein. „Idealerweise wird er nicht Wochen später wieder hervorgeholt. Es tut gut, Dinge wirklich hinter sich zu lassen und nicht nachtragend zu sein“, so Schuckert. Gleichzeitig gehört es dazu, Konflikte auszuhalten, denn ungelöste Spannungen können langfristig auch körperlich belasten. Umso wichtiger ist es, gut auf sich selbst zu achten und Probleme nicht zu verdrängen.
Auch in der Kindheit sind Konflikte ein fester Bestandteil des Alltags – etwa zwischen Geschwistern oder Freunden. Viele Erwachsene greifen dabei laut Schuckert zu schnell ein: „Wichtig ist eine aktive Zurückhaltung. Das heißt, präsent sein, aber nicht sofort eingreifen. Kinder brauchen Raum, um eigene Erfahrungen zu machen und Lösungen zu entwickeln. Erwachsene begleiten und unterstützen nur dann, wenn es notwendig ist.“ Kinder verfügen oft selbst über gute Ideen zur Konfliktlösung, müssen jedoch erst lernen, mit ihren Gefühlen umzugehen, ohne sich selbst oder andere zu verletzen. Gerade in Zeiten wie der Autonomiephase oder der Pubertät sind sie emotional stark gefordert. Ihr Verhalten sollte daher nicht immer persönlich genommen werden, da sie sich in einem Lernprozess befinden. Gleichzeitig bleiben klare Grenzen wichtig – vor allem, wenn es zu Gewalt oder Gefährdung kommt.
Es lohnt sich also, „richtig“ streiten zu lernen – denn Konflikte gehören einfach zum Leben dazu – und wer konstruktiv streitet, lebt gesünder.
Text: Daniela Rittmannsberger-Kampel⎪Fotos: istock_milorad kravic, Aleksei Morozov, Whale Design, _Pikovit44; Hilfswerk