Weg in die Stille
Immer mehr Menschen suchen einen Ausgleich zum lauten Alltag und gönnen sich Auszeiten in Retreats, Meditations- und Schweigeseminaren. Warum Stille nicht nur guttut, sondern auch aus Sicht der Longevity-Forschung an Bedeutung gewinnt.
Schon im 17. Jahrhundert hat Blaise Pascal den menschlichen Hang zur Unruhe und die ständige Suche nach Ablenkung beschrieben. „Das ganze Unglück der Menschen kommt von einem einzigen Umstand: dass sie nicht wissen, wie man ruhig in einem Zimmer bleibt“, notierte der französische Mathematiker, Physiker und Philosoph (1623–1662) in seinen Pensées („Gedanken“). Mehr als dreihundertfünfzig Jahre später wirkt dieser Gedanke erstaunlich aktuell. In einer Zeit permanenter Reizüberflutung, in der das Smartphone ständig neue Nachrichten liefert, Aufgaben unter Druck erledigt werden müssen und Lärm die Konzentration erschwert, wächst bei vielen Menschen die Sehnsucht nach Ruhe und innerer Sammlung. Eine von ihnen ist Jutta Spitzmüller. Vor rund fünfzehn Jahren machte sich die geborene Wienerin, die in den neunziger Jahren gemeinsam mit ihrem Mann im Burgenland einen Biobauernhof eröffnete, auf die Suche nach einem stillen Rückzugsort.
Jutta Spitzmüller, Yoga- und Meditationslehrerin
Kloster als geschützter Ort
„Damals waren meine beiden Kinder noch halbwüchsig, was neben dem Betrieb des Biobauernhofs mit Ziegen, Kühen und Hühnern ziemlich fordernd war“, erinnert sich die 56-Jährige. „Im normalen Alltag wechselt man ja von einer Aktivität in die nächste und kommt kaum zur Ruhe. Wir haben damals von der Direktvermarktung von Bio-Produkten wie Ziegenkäse, Mehlspeisen oder Vollkornbrot gelebt und zusätzlich Workshops für Schulklassen abgehalten.“ Im niederösterreichischen Kloster Kirchberg am Wechsel, dessen Ursprünge in das 13. Jahrhundert zurückreichen und das als von Adelsfamilien gestiftetes Frauenkloster entstand, fand die Frau schließlich einen idealen Ort, um bei einem Stille-Seminar innere Ruhe zu finden. „Was ich so schön finde, ist, dass es so schlicht ist“, schwärmt Spitzmüller. „Es ist ein geschützter Ort, der schon durch seine Architektur Ruhe und Stille ausstrahlt. Im Inneren besitzt das Kloster einen wunderbaren Kreuzgang, der seit Generationen der Stille und Besinnung dient.“
Schweigen als Erfahrung
In unserer schnelllebigen Welt ist es wichtig, Momente der Ruhe zu finden.
An ihren ersten Aufenthalt im Kloster Kirchberg erinnert sie sich noch gut: „Ich habe an einem Schweigeseminar mit dem Titel Kontemplation teilgenommen. Dabei wird mehrere Tage geschwiegen und in Stille meditiert.“ Das Programm verbindet Meditation mit einfachen Körperübungen und einem Vortrag der Seminarleitung, einer evangelischen Pfarrerin aus der Schweiz. Auch die Mahlzeiten folgten diesem Prinzip: Die schlichte, vegetarische Kost wird schweigend eingenommen. „Man lernt dabei, viel achtsamer zu essen. Außerdem merkt man, ob man zu schnell oder zu viel isst und wann man satt ist – man nimmt alles viel bewusster wahr.“ Zum Seminar gehört auch eine tägliche Stunde Mitarbeit im Kloster. Die Aufgaben sind bewusst einfach gehalten: bügeln, Obst und Gemüse im Klostergarten ernten, Nüsse knacken, den Gang kehren oder in der Küche helfen. Auch diese Tätigkeiten finden in Stille statt. „Im Alltag kommentiert man ja vieles“, sagt Spitzmüller. „Wenn das plötzlich wegfällt, merkt man, wie oft diese Bewertungen eigentlich unnötig sind.“
Sanfter Einstieg in die Stille
Stille – was zunächst entspannend und verlockend klingt, ist nicht immer leicht auszuhalten. In einem von Geräuschen geprägten Alltag wirkt sie zunächst ungewohnt und kann mitunter Unruhe oder ein unangenehmes Gefühl von Beklemmung auslösen. „Viele Menschen, die beruflich an ihre Grenzen stoßen und dauerhaft unter Stress stehen, entscheiden sich für einen radikalen Schnitt und melden sich für ein mehrwöchiges Retreat an – etwa in der Wüste oder in einem Schweigekloster“, sagt Dr. Eric Pfeifer, Professor und Stille-Forscher an der Universität Freiburg. „Nicht wenige brechen jedoch nach kurzer Zeit wieder ab, weil sie die plötzliche Umstellung überfordert. Das ist, als würde man bei voller Fahrt auf der Autobahn plötzlich abrupt abbremsen – das kann nicht gutgehen.“ Stattdessen plädiert der Forscher und Therapeut für eine schrittweise Annäherung und einen langsamen Übergang – zunächst müsse ein sanfter Einstieg in die Stille gefunden werden. Kleine, regelmäßige Praktiken (siehe Infokasten unten) können dabei helfen, sich wieder an ruhige Momente zu gewöhnen und Stille nicht als beängstigend, sondern als bereichernd zu erleben.
Stimmengewitter im Kopf
Jutta Spitzmüller gehört nicht zu diesen Menschen. Mehrere Tage zu schweigen empfindet sie im Gegenteil als ausgesprochen entspannend. Die eigentliche Herausforderung liege darin, mit den eigenen Gedanken umzugehen: „Wer regungslos und still in einer Meditationsübung sitzt, ist diesem inneren Stimmengewirr zunächst schutzlos ausgesetzt. Für Anfänger kann das besonders anstrengend sein – man merkt, wie viel im Kopf tatsächlich los ist.“ Anschaulich wird das für sie im Klosteralltag: „Wenn ich eine Stunde lang schweigend Gemüse schneide und das genieße, merke ich erst, wie sehr ich mich zu Hause stresse – mit inneren Antreibern wie ‚Warum bin ich noch nicht fertig?‘ oder ‚Das muss schneller gehen‘.“ Es brauche Zeit, die eigenen Gedanken auszuhalten, betont die Wahlburgenländerin, die heute als Yoga- und Meditationslehrerin arbeitet. Hilfreich sei es, die Aufmerksamkeit gezielt auf den Körper zu lenken, etwa auf den Atem, einzelne Körperbereiche oder auch visuell auf eine Kerze. „In Kursen wird man dabei angeleitet und lernt, aus den Gedankenschleifen auszusteigen. Mit der Zeit entsteht Routine. Man hört auf, ständig über alles nachzudenken und kommt Schritt für Schritt mehr bei sich selbst an.“
Im Hier und Jetzt verankert
Im Alltag ist es selten ruhig. Dabei sind akustische Auszeiten wichtig für das Gehirn.
Wie sich Stille auf Körper und Geist auswirkt, ist wissenschaftlich noch nicht umfassend geklärt, doch die Studienlage wächst. Psycho- und Musiktherapeut Eric Pfeifer erforscht an der Katholischen Hochschule Freiburg seit über zehn Jahren die Wirkung von Stille. In seinen Freiburger Stille-Studien zeigte sich, dass sich schon wenige Minuten Stille deutlich positiv auf die Entspannung, die Gefühlslage und das emotionale Erregungsniveau auswirken. „Bemerkenswert ist auch, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in der Stille wenig bis gar keine Langeweile empfinden“, sagt Pfeifer. Insbesondere das Gedankenkreisen, die belastende Form des Grübelns über vergangene und zukünftige Ereignisse, werde weniger. „Gleichzeitig wächst die Fähigkeit, sich auf den gegenwärtigen Moment zu konzentrieren. Anders gesagt: Stille hilft, sich im Hier und Jetzt zu verankern. Und genau das ist entscheidend – denn nur im gegenwärtigen Moment können wir Dinge in Angriff nehmen, handeln und etwas verändern.“
Wenn das Gehirn zur Ruhe kommt
Was wir dabei subjektiv erleben, lässt sich zunehmend auch im Gehirn beobachten. Studien zeigen, dass Ruhephasen mit veränderten Mustern der Hirnaktivität einhergehen, die mit Entspannung und der Regulation von Erregung zusammenhängen. In solchen Momenten wird das sogenannte Default Mode Network aktiv, ein Netzwerk aus miteinander verbundenen Hirnregionen, das vor allem dann arbeitet, wenn wir nach innen gerichtet denken, etwa beim Tagträumen, Erinnern oder Planen. Auch auf körperlicher Ebene zeigt Stille Wirkung: Praktiken wie Meditation, achtsames Innehalten oder bewusste Stillephasen aktivieren den Parasympathicus, also jenen Teil des Nervensystems, der für Erholung und Regeneration zuständig ist. Das kann sich langfristig positiv auf den Blutdruck, das Herz-Kreislauf-System und Entzündungsprozesse auswirken. Gleichzeitig entlastet regelmäßige Stille die Psyche, verbessert den Schlaf und stabilisiert die Stimmung. Damit rückt sie auch in den Fokus der Longevity-Forschung: Denn wer Stress reduziert, seine Emotionen reguliert und den Körper in Balance hält, schafft wichtige Voraussetzungen für ein gesundes und möglichst langes Leben.
Momente ohne Input: einfach genießen und den Blick in die Ferne schweifen lassen.
Kurz abschalten:
Acht Rituale für mehr Ruhe im Alltag
Still in den Tag starten: Nach dem Aufwachen einige Minuten ohne Handy einfach wahrnehmen, dass der Tag beginnt.
Übergänge nutzen: Zwischen Tätigkeiten kurz innehalten, ruhig atmen – ein Mini-Reset.
Atmung spüren: Mehrmals täglich ein paar Atemzüge bewusst wahrnehmen.
Achtsam gehen: Kurze Wege ohne Ablenkung zurücklegen, Schritte und Umgebung wahrnehmen.
Moment ohne Input: Kaffee oder Tee bewusst ohne Handy oder Lesen genießen.
Digitale Pause: Für ein paar Minuten alle Reize ausschalten und nichts „tun“.
Blick schweifen lassen: In die Ferne schauen und die Augen entspannen.
Gedanken festhalten: Täglich einen kurzen Satz zu Gefühlen oder Gedanken notieren.
Interview mit dem Stille-Foscher, Psychotherapeuten und Musiktherapeuten Dr. Eric Pfeifer, Professor an der Katholischen Hochschule Freiburg
„Viele sind es nicht mehr gewohnt, Zeit ohne äußere Reize zu verbringen“
Wächst das Bedürfnis nach Stille?
Ein gewisses Maß an Ausgewogenheit ist grundlegend für unsere körperliche, geistige und seelische Gesundheit. In einer zunehmend digitalisierten Welt ist unser Gehirn jedoch dauerhaft mit der Verarbeitung von Reizen beschäftigt – durch Smartphones, permanente Erreichbarkeit und eine stetige akustische wie visuelle Reizdichte. Diese Form der Dauerstimulation kann langfristig belastend wirken. Um gesund zu bleiben, brauchen wir daher nicht nur Reizzufuhr, sondern ebenso Phasen der Reduktion. Gerade akustische Pausen spielen dabei eine wichtige Rolle: Sie entlasten das Nervensystem und schaffen Raum für Regeneration. Das wachsende Bedürfnis nach Stille lässt sich somit auch als Gegenbewegung zu einer allgegenwärtigen Reizüberflutung verstehen – als Versuch, wieder ein Gleichgewicht zwischen äußeren Einflüssen und innerer Ruhe herzustellen.
Warum kann es schwerfallen, Stille auszuhalten?
Das hat viel mit geänderten Lebensgewohnheiten zu tun. Viele sind es schlicht nicht mehr gewohnt, Zeit ohne äußere Reize zu verbringen. Denken Sie an eine Bushaltestelle auf dem Land vor 40 Jahren: Es gab keine Digitalanzeige, wann der nächste Bus kommt. Man hatte auch kein Smartphone dabei, oft nicht einmal ein Buch. Es gab also nichts, mit dem man sich hätte ablenken oder beschäftigen können. Man stand einfach da und wartete – und war dabei unweigerlich mit sich selbst und den eigenen Gedanken konfrontiert. Solche stillen Phasen gehörten früher ganz selbstverständlich zum Alltag. Heute sind sie selten geworden und wir sind sie einfach nicht mehr gewohnt. Wir füllen nahezu jede Pause mit Ablenkung, Information oder Kommunikation. Wenn dann doch einmal Stille entsteht, kann sie schnell ungewohnt oder herausfordernd sein. Nicht selten zeigt sich dann eine Art Gedankenstau: Dinge, für die im Alltag kein Platz war, drängen plötzlich ins Bewusstsein. Stille ist dann nicht nur erholsam, sondern kann sogar belastend wirken.
Welche Rolle spielt Stille in Reizreduktions-Experimenten?
In einer unserer neueren Studien untersuchten wir die Wirkung von Stille in einem Flotation-Tank: Das ist ein mit körperwarmem Salzwasser gefülltes, abgedunkeltes und schalldichtes Becken, in dem ein Zustand nahezu vollständiger Reizabschirmung entsteht. Die Teilnehmenden verbrachten nahezu 60 Minuten in dieser Umgebung – sich da hineinzubegeben, ist wie ein Schwebezustand. Wir haben untersucht, wie Schwerelosigkeit, Dunkelheit und Stille empfunden werden. Dabei zeigte sich, dass insbesondere die Stille als besonders wohltuend und wirksam hervorgehoben wurde. Sie wurde stärker mit positiven Effekten verbunden als die anderen Faktoren. Einige berichteten anfangs von ungewohnten Empfindungen, etwa dem Gefühl, die eigenen Körpergrenzen würden sich auflösen. Solche Erfahrungen können zunächst etwas beängstigend sein, wurden jedoch mit zunehmender Dauer überwiegend positiv bewertet – etwa als gesteigerte Verbundenheit mit sich selbst und der Welt – also das Gefühl, Teil eines größeren Ganzen zu sein.
Wie lässt sich Stille im Alltag wieder stärker verankern?
Ein wichtiger Schritt ist, Stille überhaupt wieder zum Thema zu machen. Indem wir über sie sprechen, rückt sie zurück in den gesellschaftlichen Diskurs – und damit auch in den Alltag. Das kann Hemmschwellen abbauen und Menschen ermutigen, Stille bewusst auszuprobieren. Es braucht dafür keine aufwendigen Formate, sondern kleine, alltagstaugliche Schritte: etwa bei einem Spaziergang mit dem Partner, der Partnerin für einen Moment zu schweigen oder mit Kindern die stillste Ecke der Wohnung zu entdecken. Auch im Arbeitsalltag lassen sich solche kurzen Phasen integrieren – etwa, indem man den Laptop schließt, sich einen Kaffee holt und zwei Minuten ruhig aus dem Fenster schaut, statt zum Smartphone zu greifen. Solche „Mikro-Interventionen“ helfen, Stille wieder als etwas Vertrautes zu erleben und ihre Wirkung im eigenen Alltag neu zu entdecken.
Text: Jacqueline Kacetl⎪Fotos: iStock_Igor Barilo, iStock_ George Peters, Drazen Zigic, beigestellt, iStock_Enis Aksoy, Werner Kunz